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Power-Child e.V.: Warum Vertrauenspersonen so wichtig sind

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Die Bad Füssinger Kurzzeitung im Gespräch mit Elisabeth von Medem-Stadler, Leiterin der Geschäftsstelle von Power-Child e.V., dem Verein der sich gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen einsetzt.
Soeben hat der Verein Power-Child e.V. seinen Jahresbericht 2018 veröffentlicht. Elisabeth von Medem-Stadler leitet seit 7 Jahren die Geschäftsstelle des Vereins. Doch die erfahrene Traumatherapeutin ist nicht nur für die Verwaltung zuständig. Sie führt Beratungsgespräche mit Betroffenen und deren Angehörigen, sie stellt ihre Expertise in diversen Arbeitskreisen (u.a. Arbeitskreis Münchner Fachstellen, Kein Raum für Missbrauch etc.) zur Verfügung.

Kurzeitung: Frau von Medem-Stadler, der Verein ist deutschlandweit tätig, an wen adressieren Sie Ihre Arbeit und wie erreichen Sie Ihre Zielgruppen?

Frau von Medem-Stadler: Power-Child e.V. wendet sich mit seiner Präventionsarbeit an Kinder im Vorschul- und Grundschulalter, sowie deren Bezugspersonen. Diese Personengruppen erreichen wir zum Beispiel mit unseren Theaterpräventionsstücken. 2018 konnten wir damit ca. 14.250 Kinder, Eltern und Fachkräfte in Kindergärten und Kindertagestätten und weitere 8.240 Kinder, Eltern und Fachkräfte an Grundschulen informieren und sensibilisieren.
Mit unserem Power-Child Mobil haben wir im letzten Jahr deutschlandweit an 10 Festivaltagen teilgenommen. Dort besuchten ca 200.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene unseren Stand, holten sich Tipps und stellten Kurzeitungn.
Des Weiteren stehen in 13 Kliniken von München bis Hamburg unsere Power Tower, die in den Wartebereichen der Kinderabteilungen ebenfalls spielerisch Informationen zur Verfügung stellen. Damit erreichen wir jährlich zusätzlich 200.000 Kinder.
Für Fachkräfte wurden 2018 zudem auf der Basis unseres Ratgeber-Buches „ERNST machen“ in Kooperation mit der Mansfeldt-Löbbecke Stiftung in Goslar und Hannover 5 Fortbildungen mit Kompetenztraining durchgeführt. Damit multiplizieren wir das Fachwissen und die Stellen kompetenter Hilfeleistung.

Kurzeitung: Doch Sie sind nicht nur in Sachen Prävention unterwegs.

Frau von Medem-Stadler: Leider werden nach wie vor in Deutschland tausende von Kindern täglich sexuell missbraucht. Experten gehen davon aus, dass im Durchschnitt in jeder Schulklasse 1-2 Kinder sitzen, die schon Erfahrungen in dieser Richtung machen mussten. Deshalb sind wir auch in der Intervention tätig.
Im unseremBerichtsjahr 2018 haben insgesamt 2.435 Personen aus dem gesamten Bundesgebiet unsere Beratungsstelle aufgesucht, sei es über Email, telefonisch oder persönlich. Doch diese Zahlen zeigen weder das Ausmaß der Gewalt, die schlimmen Erfahrungen der hilfesuchenden Personen oder die Intensität der Beratung. Deshalb halten wir diese Zahlen nicht für besonders aussagekräftig. Hier kommt es vor allem auf die Qualität der Hilfestellung an und die ist für jeden Betroffenen völlig individuell.

Kurzeitung: Wie könnte jeder von uns seinen Beitrag leisten?

Frau von Medem-Stadler: Kinder sprechen meist zuerst mit Familienmitgliedern über widerfahrene Gewalt. Werden sie älter, sind zunehmend Freundinnen und Freunde ihre Gesprächspartner. Aber von Familienmitgliedern erhalten Kinder oft keine Hilfe. Und gleichaltrige Freundinnen und Freunde können oft noch nicht helfen. Auch gibt es oft Abwehrreaktionen: Betroffenen wird nicht geglaubt, sie werden nicht geschützt oder zur weiteren Geheimhaltung aufgefordert. Untersuchungen haben gezeigt, dass viele betroffene Mädchen und Jungen keine Vertrauenspersonen in der Familie und im Freundeskreis finden. So berichten zum Beispiel bis zu 70 % der befragten Erwachsenen, sich in ihrer Kindheit niemandem mitgeteilt zu haben. Um diese Tradition mangelhafter Gesprächsmöglichkeiten zu brechen, benötigen heutige Betroffene Vertrauenspersonen. Dazu würde es helfen, wenn man selbst sensibilisiert ist. Zeichen erkennen und behutsam nachKurzeitungn kann oder sich bewusst Beratungshilfe holt. Vielleicht beobachtet man etwas bei einem Nachbarkind? Einem Klassenkameraden seines Kindes? Deshalb sind auch Vertrauenspersonen außerhalb von Familie und Freundeskreis wichtig. Vor allem gilt dies natürlich bei sexueller Gewalt durch ein Elternteil. Da brauchen Kinder unbedingt Gespräche mit Erwachsenen außerhalb der Familie. Selbst wenn man eine Beobachtung mit einer Fachperson im Kindergarten oder Schule teilt, die die Zeichen eventuell besser zu deuten weiß oder weiter beobachten kann, alles kann helfen. Nur nicht Schweigen, das hilft niemanden.

Kurzeitung: Was waren denn Ihre Persönlichen Highlights 2018?

Frau von Medem-Stadler: Es gab viele wichtige Momente. Wenn ich aber über die Interventionsarbeit hinaus gehe, wären da zum Bsp. unsere Kooperationspartner ohne die vieles gar nicht möglich wäre und die uns immer wieder bestärken, dass wir noch mehr Kinder und Jugendliche erreichen können. Die Volksbank BraWo Stiftung aus der Region Braunschweig Wolfsburg ist so ein Partner. Seit 12 Jahren führen wir erfolgreich zusammen Präventionsprojekte flächendeckend zum Wohle von Kindern durch. Dafür sind wir sehr dankbar.

Kurzeitung: Was wünschen sie sich für 2019?

Frau von Medem-Stadler: Ich wünschte mir, dass offener über das Thema Sexualisierte Gewalt gesprochen wird – nicht nur von den Beauftragten und Fachkräften sondern auch im Alltag, dort wo das Unfassbare täglich geschieht und Kinder hilflos alleine gelassen werden.
Zudem haben viele gute Ideen, wie wir Kindern und Jugendlichen noch besser helfen und schützen können. Hierzu könnten wir viele Mitstreiter gebrauchen, sei es mit fachlicher Expertise, als Multiplikatoren, mit Manpower, oder einfach finanzieller Art. Jeder Art der Unterstützung würde zu 100% Kindern zu Gute kommen.

Veröffentlichung Kurzeitung