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Dr. Johannes Zwick fordert: Schauen Sie bei Kindesmissbrauch nicht weg!

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Das Thema Kindesmissbrauch wird oft verdrängt – wie sieht die Realität aus?

Lüdge, Bergisch Gladbach und jetzt Münster: In den vergangenen 18 Monaten sind in Nordrhein-Westfalen drei große Missbrauchsfälle aufgedeckt worden. In Münster war ein bundesweit agierender Ring von insgesamt 19 Tätern aktiv, die Berichte sind erschreckend. Die Täter sollen sechs Kindern stundenlang sexuelle Gewalt angetan haben.

Diese Missbrauchsfälle zeigen die Abgründe unserer Gesellschaft, vor denen wir nur zu gerne die Augen verschließen. Viele Menschen wollen nicht wahrhaben: Kindesmissbrauch ist kein Einzelfall. Er findet jeden Tag in Deutschland statt. Dabei kann jeder etwas dagegen tun —  mit offenen Augen, Einfühlsamkeit und Mut.

Wie sieht es die Dunkelziffer aus?

Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass in jeder Schulklasse zwei Kinder sitzen,  die sexuelle Gewalt erlebt haben oder gerade erleben müssen. Schon die tatsächlichen Zahlen sind erschreckend: Jeden Tag erleben laut Kriminalstatistik 43 Kinder in Deutschland sexuelle Gewalt. Dabei  handelt es sich aber nur um die wenigen angezeigten Fälle. Es sind deutlich mehr Mädchen, die missbraucht werden, und deutlich mehr Männer als Frauen, die missbrauchen. Aber, dies sei deutlich gesagt, auch Frauen, sogar Mütter, missbrauchen Kinder, und zwar vom Säuglingsalter bis in die späte Jugend. Behinderte Kinder werden übrigens drei Mal so häufig missbraucht wie nicht behinderte Kinder.

Menschen, die angeblich nichts mitbekommen haben, werden nur selten strafrechtlich belangt. Sollte der Gesetzgeber das Strafmaß für Mittäterschaft oder Beihilfe durch Unterlassung nicht deutlich erhöhen?

Ja. Die Nutzung und Herstellung von Kinderpornografie sowie der Besitz sollten genauso bestraft werden wie sexueller Missbrauch selbst. Nur so schaffen wir es, dass wir es, diesen perfiden Markt der sogenannten Kinderpornografie endlich trockenlegen und den Missbrauchstätern im Netz das Handwerk legen. Wichtig wäre auch, dass Urteilen das jetzt mögliche Strafmaß von den Gerichten auch voll ausgeschöpft wird. Oft wird ja nur am untersten Rand des Möglichen verurteilt und deswegen ist eine Anhebung der Mindeststrafe auf jeden Fall sehr sinnvoll.

Woran erkenne ich, dass ein Kind missbraucht wird? Gibt es spezifische Warnsignale? 

Die Anzeichen sind leider oft nicht eindeutig. Jüngere Kinder erzählen zum Teil  von ihren Erlebnissen. Viele Kinder schweigen, verändern aber ihr Verhalten, wirken sehr traurig oder aggressiv, ziehen sich zurück oder verarbeiten die sexuelle Gewalt im freudlosen Nachspiel des Erlebten. Auch eine altersuntypische Sexualsprache oder Doktorspiele mit den bei Erwachsenen üblichen Sexualpraktiken sollten Anlass sein, genau hinzuschauen. Teils gehen die Täter*innen auffällig enge Beziehungen mit dem Kind ein, isolieren es von anderen Kontakten und betonen wie ‚phantasiebegabt‘ das Kind sei. Dauerhaft missbrauchte Kinder entwickeln die Fähigkeit, nur noch wenig zu fühlen, sie steigen teils ungewollt aus ihrem Körper aus.

Warum werden die Zeichen dennoch oftmals übersehen?

Es ist fehlende Ausbildung. In der pädagogischen Ausbildung wird das Fachwissen nicht vermittelt, das nötig ist, um das Vorgehen von Tätern*innen zu verstehen und zu erkennen. Überspitzt gesagt sind heute viel zu viele Laien in dem Bereich tätig. Das ist sehr bedenklich. Kinderschutz muss zum Pflichtfach werden für alle, die mit Kindern arbeiten. In der Erzieherausbildung, im Studium Soziale Arbeit, in der Pädagogik, in der Ausbildung für das Familiengericht, im Psychologiestudium und in der Ausbildung von Kinderärzten. Die Hälfte der einschlägigen Studiengänge in Deutschland weist im Vorlesungsverzeichnis kein Lehrangebot zum Kinderschutz auf.

Mangelndes Wissen ist einer der Gründe für das, was in Lügde geschehen ist?

Ja, denn die fehlende Ausbildung führt zwangsläufig zu Fehleinschätzungen. Aber wir haben auch gesehen, dass alle Beteiligten viel zu lasch mit der Situation umgegangen sind. Man stellt sich natürlich die Frage, wie man ein Kind in einem Campingwagen leben lassen kann. Und das ist ja nur der Anfang. Später sind Datenträger verschwunden, eine Akte im Jugendamt wurde manipuliert. Es haben unendliche viele Menschen versagt.

Warum greifen die Jugendämter nicht früher ein? 

Es fehlt in vielen Jugendämtern massiv an Personal, an Ausstattung, an Dienstwagen, an Mitarbeitern. Einige Fachkräfte betreuen bis zu hundert Familien, mit einer entsprechenden Anzahl an Kindern. So soll Kinderschutz gewährleistet werden? Das geht nicht. Das furchtbare Zusammenspiel aus fehlender Qualifikation und schlechter Ausstattung erklärt auch die hohe Zahl getöteter Kinder, deren Familien bereits unter Aufsicht des Jugendamtes standen.

Was mache ich, wenn ich einen Verdacht habe?

Wenden Sie sich an eine auf sexuellen Missbrauch spezialisierte Beratungsstelle, das geht auch erst einmal telefonisch und notfalls anonym. Mit der Fachstelle können Sie beraten, wie Sie mit dem Kind sprechen oder ob besser vorher eine Meldung an das Jugendamt, Familiengericht oder die Polizei erfolgen sollte. Bitte zeigen Sie Zivilcourage und sagen Sie nicht aus Angst vor falschem Verdacht: ‚Das geht mich nichts an‘. Lassen Sie das Kind nicht allein. Sorgen Sie für Klarheit und wo nötig, für Schutz und Hilfe.“

Wie spreche ich mit Kindern über das Thema Missbrauch? Und wie sensibilisiere ich mein eigenes Kind dafür, nicht mit Fremden mitzugehen, „Nein“ zu sagen?

„Die Mehrheit der Täter sind keine Fremden, es sind meist ältere Jugendliche, Verwandte und Bekannte oder, wie wir gerade in Österreich sehen, sogar Ärzte. Täter gehen geschickt und manipulativ vor, sie wählen Kinder aus, verstricken sie und bringen sie zum Schweigen.

Wenn Sie mit jüngeren Kindern sprechen, genügt der Hinweis, dass es Erwachsene gibt, die Kinder an den Po oder in die Hose fassen, dass das aber nicht in Ordnung ist und dass jedes Kind ein Recht hat, sich Hilfe zu holen. Es gibt zum Beispiel passende Bilderbücher, die Missbrauch thematisieren. Auf der Homepage von Power-Child e.V. gibt es eine Literaturliste (www.power-child.de/empfehlungen-fur-eltern-2/). Machen Sie deutlich, dass ein Kind jede Berührung zurückweisen darf, die es nicht mag. Erzählen Sie aber auch von Kindern, die es nicht schaffen, gleich ‚Nein‘ zu sagen und wie mutig es ist, wenn so ein Kind oder eines seiner Freunde sich anvertraut und Hilfe sucht.“

Wie kann ich mein Kind so erziehen, dass es sich mir anvertraut, wenn es Schlimmes erlebt, auch wenn es Scham oder Angst empfindet?

„Erzählen Sie Ihrem Kind davon, wie wichtig es Ihnen ist, ihm ein Elternteil zu sein, zu dem das Kind auch kommen kann, wenn es Angst hat oder sich schämt. Solche Situationen gibt es im gemeinsamen Alltag immer wieder. Würdigen Sie, sobald sich das Kind Ihnen anvertraut. Falls Sie zu wütenden Vorhaltungen neigen (‚Ich habe es dir ja gesagt‘), bitten Sie Ihr Kind nach solchen Szenen wenigstens um Verzeihung. Machen Sie deutlich, dass jedes Kind ein Recht hat, eigene Erfahrungen zu machen und dabei auch an Grenzen zu gehen, um diese kennen zu lernen. Bieten Sie sich als Person an, die dem Kind glauben und für es da sein wird, wenn es Sie braucht – dafür sind Eltern da.“

Und Power-Child e.V. ist für Sie da, falls Sie Fragen haben, sich nicht sicher sind oder selbst Hilfe in Anspruch nehmen wollen. Der Verein führt jährlich etwa 3200 Beratungen  telefonisch, per E-Mail oder auch persönlich durch. Vor allem sind die Power-Child-Mitarbeiter für die Therapie mit Kindern mit körperlichen oder geistigen Herausforderungen geschult. Leider bekommen wir mehr Anfragen, als wir betreuen können. Helfen Sie uns, dass wir unser Angebot ausweiten können und mehr Menschen helfen können. Wir als Gesellschaft müssen handeln!

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