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Vorstellung der Zahlen kindlicher Gewaltopfer 2020

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Vorstellung der Zahlen kindlicher Gewaltopfer 2020 –
POWER-CHILD sieht hinter dem Schrecken eine leise Hoffnung

Die Zahlen zu Kindesmisshandlungen, sexuellem Missbrauch und sogenannter Kinderpornografie aus der jüngsten polizeilichen Kriminalstatistik (PKS), die in dieser Woche vorgestellt wurde und sich auf das Jahr 2020 bezieht, sind einmal mehr erschütternd. Der Vorsitzende des Vereins POWER-CHILD e.V., Dr. Johannes Zwick, sieht dennoch eine positive Seite: „Bei allem Schrecken über den Anstieg der angezeigten Fälle freuen wir uns darüber, dass immer mehr Mädchen und Jungen über den Missbrauch sprechen und Erwachsene bereit sind hinzuhören, hinzusehen und zu handeln, denn auch das zeigt der massive Anstieg der angezeigten Fälle.“ Der Verein POWER-CHILD e.V. engagiert sich seit Jahren in der Präventionsarbeit sowie in der Betreuung und Therapie von Kindern und Jugendlichen, die Opfer von Gewalt wurden. Die aktuellen Zahlen der PKS zeigen einmal mehr, wie dringlich die Arbeit des Vereins noch immer ist.

Unser Kommentar zur Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) 2020 am 26. Mai 2021:

Die Zahlen, die der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch, und der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Johannes-Wilhelm Rörig, in Berlin präsentieren, sind in der Tat katastrophal. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass diese Zahlen lediglich die polizeibekannten Fälle spiegeln. Wesentlich größer ist die Dunkelziffer, also die Zahl der Fälle, die nicht angezeigt wurden.

Pro Tag werden in Deutschland durchschnittlich 46 Kinder sexuell missbraucht (insgesamt 16.686 Missbrauchsfälle im Jahr 2020). 152 Kinder sind gewaltsam zu Tode gekommen, 115 von ihnen waren jünger als sechs Jahre. In 134 Fällen wurde versucht, ein Kind zu töten. Die Zahl der Fälle von Misshandlungen Schutzbefohlener ist ebenfalls gewachsen. Mit 4918 Fällen verzeichnet die Statistik eine Zunahme um 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Fälle von Kindesmissbrauch stiegen um 6,8 Prozent auf über 14.500 Fälle. Münch betont: „Schwerste Straftaten an Kindern wie der sexuelle Missbrauch oder Misshandlungen geschehen zumeist hinter verschlossenen Türen. Darum sind wir alle aufgefordert, wachsam zu sein und Verantwortung zu übernehmen.“ Jeder, der Anzeichen strafbarer Handlungen an Kindern wahrnehme, sollte nicht zögern, die Polizei zu informieren und Strafanzeige zu erstatten oder Hilfestellen oder das Jugendamt zu kontaktieren. „Gerade dafür brauchen wir Beratungsstellen, denn nicht jeder traut sich, mit einem Verdacht gleich zur Polizei zu gehen.“, so POWER-CHILD-Vorsitzender Zwick.

Die Corona-Pandemie leistet aber nicht nur offline ihren Beitrag zu mehr Gewalt gegen Kinder: durch Lockdown, Homeschooling und weniger Freizeitaktivitäten sind Kinder den Gefahren im Internet vermehrt ausgesetzt. Gleichzeitig sind laut Statistik auch mehr Täter durch den Lockdown im Netz aktiv. Auch internationale Untersuchungen bestätigen den enormen Anstieg von Missbrauchsabbildungen im Netz. Laut Europol ist im ersten Corona-Lockdown in Europa der Konsum von Missbrauchsabbildungen um etwa 30 Prozent gestiegen und auch das Livestreaming von sexualisierter Gewalt via Webcam aus den häuslichen Kinderzimmern wird immer mehr nachgefragt. Auch in den USA registriert das NCMEC (National Center for Missing & Exploited Children) im April 2020 einen Anstieg von mehr als 400 Prozent bei verdächtigen Fällen.

Ein besonderes Augenmerk der diesjährigen Pressekonferenz liegt auf dem Deliktsbereich der sog. Kinderpornographie. Mit 18.761 Fälle der Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung von sexuellen Missbrauchsabbildungen, verzeichnet die Polizei 53 % mehr Delikte als im Jahr 2019. Das BKA hat für diese Zunahme verschiedene Erklärungen. Zum einen meldet das NCMEC vermehrt Fälle, bei denen der Tatort in Deutschland liegt. Außerdem ist der Polizei im Zuge der großen Missbrauchsverfahren in Lügde, Bergisch Gladbach und Münster die Identifizierung zahlreicher weiterer Tatverdächtiger im In- und Ausland gelungen. Tausende Hinweise auf sog. Kinderpornografie führten aber nicht zur Ermittlung der Täter, weil die vom Provider mitgelieferten IP-Adressen mangels in Deutschland praktizierter Vorratsdatenspeicherung bereits gelöscht waren und eine Identifizierung der Täter damit nicht möglich war. Auch arbeiten die Strafverfolgungsbehörden weltweit immer enger zusammen, hinzu kommt die stetige Verbesserung der Detektionstechnologien im Internet.

Außerdem beobachtet das BKA den Trend, dass vor allem Kinder und Jugendliche über ihre Smartphones immer häufiger kinder- und jugendpornografische Bilder teilen. Laut Statistik hat sich die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die Missbrauchsabbildungen – insbesondere in Sozialen Medien – weiterverbreiteten, erwarben, besaßen oder herstellten, in Deutschland seit 2018 mehr als verfünffacht. 2018 ermittelte die Polizei in 1373 Fällen, im vergangenen Jahr waren es 7643 Fälle. Ihnen ist die Strafbarkeit häufig nicht bewusst, sie werden von ihren Eltern dafür nicht sensibilisiert oder leiten die pornografischen Dateien als „Mutprobe“ weiter. Dem gelte es auch durch Aufklärung entgegenzuwirken, sagt POWER-CHILD-Vorsitzender Zwick.

Eine weitere Form der sexualisierten Übergriffe im Internet ist das Cybergrooming, also online-basierte, gezielte Einwirken auf Kinder und Jugendliche mit dem Ziel der Anbahnung sexueller Kontakte. Deshalb erachten Münch und Rörig die Aufklärung von Kindern und Jugendlichen über die Gefahren des Internets und die Anleitung zu einem sicherheitsbewussten Umgang mit dem Netz als besonders wichtig. Rörig forderte, dass der nächste Bundestag eine Enquête-Kommission einsetzt. Dort sollten Datenschützer*innen, Kinderschützer*innen, Cyberkriminolog*innen und Ermittler*innen, Vertreter*innen der großen Online-Unternehmen und Gamingplattformen, zusammen eine Grundsatzstrategie zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt im Netz erarbeiten. Diese Forderung unterstützen wir, POWER-CHILD e.V., vollumfänglich.

Was muss sich ändern?

Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, betonte, dass die PKS zu Gewaltdelikten an Kindern nicht als Rapport aus den Randbereichen der Gesellschaft missverstanden werden darf: „Sexuelle Gewalt gibt es überall, sie ist trauriger Alltag und findet meistens dort statt, wo sie niemand vermuten möchte: ganz nah dran, in Familien, in der Nachbarschaft, im Sportverein und im Netz.“ Die Gefahrenabwehr müsse dorthin, wo die Kinder und Jugendlichen sich aufhielten. Dies betreffe immer mehr auch die Sozialen Netzwerke und Online-Spiele. „Zudem brauchen wir Kompetenzbündelungen bei den Staatsanwaltschaften, um Ermittlungen gezielter zu koordinieren und Verfahren zu beschleunigen“, forderte Rörig. „Vor allem brauchen wir eine massive Personalaufstockung bei Polizei und Justiz.“ Ermittlungen dürften nicht daran scheitern, dass Durchsuchungsbeschlüsse nicht vollstreckt und Datenträger nicht ausgewertet würden oder tausende Akten bundesweit auf Halde lägen, weil es keine Kapazitäten für ihre Bearbeitung gebe. „Hier ist ein Kipppunkt erreicht – wir müssen verhindern, dass das System kollabiert“, stellte der Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs zurecht fest.

Als positiv ist zu werten, dass der im Dezember 2019 unter dem Vorsitz der damaligen Bundesfamilienministerin Franziska Giffey und dem Missbrauchsbeauftragten Rörig und unter Beteiligung des BKA eingerichtete Nationale Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen (www.nationaler-rat.de) im Sommer erste Ziele und Maßnahmen präsentieren wird. Ziel das Nationalen Rats ist es, ein zentrales nationales Forum für den langfristigen und interdisziplinären Dialog von politischen und gesellschaftlichen Akteuren zu sein. Konkret geht es aktuell um eine Strategie für eine kontinuierliche Prävalenz- bzw. Häufigkeitsforschung in Deutschland, also regelmäßige repräsentative Befragungen zu Gewalt an Kindern. Damit soll es möglich sein, zusätzlich zu den gesicherten Daten aus Statistiken wie der PKS verlässliche Zahlen aus dem Dunkelfeld zu bekommen. Somit könnte klar werden, welche Maßnahmen wie ankommen und wo in Zukunft weiter nachgesteuert werden muss, um Kinder noch besser zu schützen.

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